Web3 oder wie sich deutsche Tech-Intelligenz selbst im Weg steht

ein Replik auf Tantes Blockchain ist doof. Weil diese Art von Ignoranz jetzt mal wirklich kontraproduktiv ist.

Er kam, sah und schriebte: @tante widmete sich in einem langen Beitrag dem Third Web. Und, ganz ehrlich: ich war dann doch recht enttäuscht. Hier meine pieselige Detailkritik, samt Bausch-und-Bogen-Verdammung. 

Ach ja, und erstmal auf Deutsch. Der beantwortete Text kommt zwar auf Englisch. Aber der vertretene Ansatz scheint mir dann doch sehr landestypisch. Und kontraproduktiv.

tl;dr: Dissen aus aktivem Desinteresse bringt keinen weiter, zeugt nur von aktivem Gestaltungsunwillen – und richtet deshalb exakt da massiven Schaden an, wo ausnahmsweise mal Gestaltungspielräume entstehen.

Das Problem

Die deutsche Tech-Intelligenz der alten Schule hat vor geraumer Zeit beim Thema Crypto die mentale Türe zugeschlagen. Aus einer Handvoll teilweise durchaus sehr gut nachvollziehbarer Gründe. Wer ein paar Stunden seines Lebens sinnlos vernichten möchte, bekommt einige hier auf der Bitcoin 2021 Miami am Stück auf dem Silbertablett serviert. Die einleitenden Worte spricht Alt-Senator Ron Paul, ein bizarrer Alt-Libertär aus dem Kuckucksnest, Grifter-VCs der alten Schule treffen auf laseräugige Hedge Fundies im Glück und dazwischen hampeln noch zahllose Climate Change- und Corona-Leugner. 

Tür auf, Tür schnell wieder zu, danke das war’s? Kann man so machen. Muss man aber nicht. So abschreckend dieses Crypto-Gruselkabinett auch wirkt: die User-/Verkaufsveranstaltungen von Oracle zB sind auch eine recht spezielle Nummer. Deshalb funktioniert deren Software trotzdem doch halb leidlich, was man so hört, und eine Verdammnis relationaler Datenbanken wäre wohl auch ein wenig übers Ziel hinaus geschossen.

Wie alles begann

Ich geh mal Schritt für Schritt vor und werde mal die entsprechenden Stellen bei Tante verkommentieren. Aber erstmal zu den Anfängen.

Selbiger Thread geht so dann weiter:

Bei Tante liest sich das non-abstinence based non-scolding dann so:

I had hoped that I wouldn’t have to write this thing, that blockchains and NFTs and all that would just go away and become a chapter in a book about weird economic scams. But if 2021 taught us anything it’s that we can’t have nice things so here we are.  

Arrrgh. SPLASHHHH.

Der laute Platscher war das mit dem Bad ausgeschüttete Kind. Und wie Kinder schon vom Nikolaus lernen “nice things” gibt es schon, aber aber nur wenn man sich übers Jahr auch darum bemüht. 

Aber erstmal zu den Details

Ich werde hier mehr oder minder der Reihe nach vorgehen. Aber bitte nicht drauf festnageln. 

Consensus

Wenn Techniker sich eine Blockchain ansehen, dann finden sie eine verteilte Datenbank, die zwar recht schnell zu lesen, aber nur mit Klimmzügen zu beschreiben ist. “Schuld” daran ist Bitcoins ominöser Satoshi Nakamoto. Da es keine zentrale Schiedsstelle gibt (und geben sollte), die den Schreibzugriff kontrolliert und zudem sich alle Nodes weder kennen noch trauen können müssen, kam er auf sein durchaus ingeniöse Lotterieprinzip des Proof of Work.

  • Das Gute an PoW: es funktioniert. 
  • Der Haken: vorstellen kann man sich ein modernes Mining Rack in etwa wie einen elektrischen Durchlauferhitzer. Vorn kommt der Strom rein. Anstelle der Heizspirale sitzt ein aufgeregt werkelnder Prozessor. Hinten fällt bisweilen eine Cryptocoin raus. Und ansonsten hauptsächlich ständig viel Wärme.

Dass das nicht wirklich sauber skaliert, war schon vor Jahren klar. 2014 hab ich’s mal ausgerechnet. Schon damals benötigte man den Output eines halben Kernkraftwerks, um das Bitcoin-Netzwerk zu betreiben. Die Hardcore-Libertinäre hat das damals schon nicht interessiert. Und die, die sich für Climate Change erwärmen (haha), wiederum nicht für Crypto. Was dann leider zur Folge hat, dass Bitcoin heute in etwa soviel Strom braucht wie ein mittlerer Planet, besiedelt von wuseligen Steinkohleverstromern.

Aber nun ist es ja nicht so, das Crypto generell Strom fressen muss, als bräuchten wir kein Eis in der Arktis.

Dass es durchaus ökologisch sauberere Alternativen gibt war damals schon absehbar.

Dass beispielsweise Proof of Stake als Alternative funktioniert, zeigen beispielsweise Tezos, Cosmos und Avalanche, die per Design darauf ausgelegt sind.

Dass der Umbau bestehender Systeme nicht ganz trivial ist, muss man gerade Tante glaub ich wirklich nicht erzählen.

Dass PoS Probleme haben kann, ist für die Ethereum Foundation auch keine neue Erkenntnis.

Aber das hier benannte “Problem” … 

This one needs less energy but has other problems (for example the inherent power imbalance between those with few and those with many tokens: A person whose rich will always win in a conflict with a person with fewer tokens).

… sagt einfach nur, dass jemand sich mit dem Thema auch nicht mal marginal beschäftigen möchte.

Vorstehende Aussage trifft zwar auf unser aller Finanzamts-Kommunikation zu (CumEx schlägt Arbeitszimmer). Hat aber mit PoS bis auf das Wort Token recht wenig zu tun.

Kein Konsens

Kommen wir zum Konsens. PoX schafft den Konsens, der die zahllosen verteilten Datenbanken synchron hält. Das ist umständlich, aber dann schon auch notwendig. Weil ohne Konsens eben kein dezentrales System, wie angefordert.

Folgender Kommentar ist deshalb ein ein Zirkelschluss:

Traditional databases don’t face that challenge because clients log in and the database server can just – like a referee – decide who gets to have their data written first. 

Oder, anders gesagt: bloss weil es Quatsch ist, mit einem 40 Tonner die Altstadt von Rothenburg ob der Tauber zum Brötchenholen befahren zu wollen sind LKWs nicht generell als aufwändiger Unfug abzulehnen. 

Ohne Konsens-Klimmzug komme ich halt nicht allzu weit, wenn die zentrale Anforderung ist, dass es eben exakt KEINEN zentralen Schiedsrichter geben soll.

Scaling

Jetzt kann man natürlich drüber streiten, wie relevant Dezentralität tatsächlich ist und wann der Ansatz Mehrwert bringt. Aber dass es sich dabei um technisches Spielzeug handelt, welches generell nicht skaliert ist nicht wirklich Stand der Technik: 

Bitcoin currently can do about 4.5 transactions a second. FOR ALL OF BITCOIN. Ethereum is a little better and can do about 30 transactions a second. That is ridiculously low. The VISA network to process credit cards can do up to 24000 transactions a second (they currently do about 1740 a second). Try that number on for size. 

Lassen wir den immobilen Bitcoin-Block mal aussen vor. Auch Ethereum ist noch vergleichsweise langsam und wir lassen ebenso alle geplanten Updates beiseite weil Papier und nicht real implementiert. Aber wie sieht es denn zB mit den kompatiblen Ethereum Virtual Machine (EVM)-Chains aus?

Current testnet benchmarks report over 4,500 transactions per second, with the full, production-ready version of Avalanche having the potential to achieve over 20,000 transactions per second. This is before any type of sharding or layer-2 optimizations, which can easily boost the network’s performance.

Anscheinend ist die Technik nicht ganz stehen geblieben.

Web3 is a security disaster

Das ist freilich richtig. Self Custody für technisch unbedarfter Nutzer ist ein Rezept für ein Desaster. Das gilt freilich auch für Ansätze wie guck dir drei Videos auf YouTube an und setzt dir dann deinen eigenen Linux-Server auf, um damit deinen Installationsbetrieb mit 10 Mitarbeitern zu verwalten. Kann man schon machen. Sollte man aber besser nicht. Heisst jetzt aber nicht, das Linux generell ein Sicherheitsdesaster ist.

NFTs don’t do what they claim to do

Beweisstück A: right-clicking Kunstdiebstahl

Sagen wir mal so: NFTs machen nicht das, was der Text behauptet dass sie behaupten zu tun. Was sie allerdings tun: schaffenden Künstlern eine zusätzliche Einnahmequelle zu verschaffen.

Full Disclosure: mehr oder minder zur selben Zeit als Anil Dash mit Monegraph und damit sozusagen proto-NFTs experimentierte, hab ich vergleichbares in Berlin mit einem Partner probiert: denn für Kreative kann künstliche Verknappung der digitalen Endlosigkeit durchaus hilfreich sein, wenn sich der Vermieter nicht mit Gitarrengeklampfe bezahlen lässt und der lokale Supermarkt deine hand gemalten Aquarelle nicht akzeptieren mag.

Närrischerweise basteln wir damals auf Basis relationaler db und Hybris. Aber stießen darüber auf den Nebennutzen von Bitcoin, Metadaten in einer Blockchain festzuschreiben. Ausser ein paar freundlichen Worten bei Businessplan-Wettbewerben und einer lustigen Präsentation im RAI in Amsterdam vor Gavin Andresen als Oberjuror kam freilich nicht viel dabei raus. Waren wohl etwas früh dran.

But people can still right-click the image and download it and use it. 

Uff. Houston, wir haben ein Kommunikationsproblem. 

So what does “ownership” even mean in that context? 

Zeige mir ein digitales Werk dass du jetzt schon “besitzt” und ich zeige dir die Plattform-ToS, die dir buchstabieren, dass du nichts erhalten hast ausser einer limitierten Nutzungslizenz an einer Handvoll Daten. 

There are only a few exchanges to buy and sell tokens, there are only very few NFT markets. Web3 hardly exists but it’s already centralized.

Muss ich Yachtclub-Affen als Kunstwerke ernst nehmen? Jeder wie er’s mag. Aber sagen wir’s mal so: im Gegensatz zu einem Zauberschwert, das mir mein Gameprovider verkauft, sind standardkonforme NFTs zumindest mal plattformübergreifend verfüg- und handelbar, egal ob Opensea, Rarible oder Zora oder … 

Was aus Fortnite kommt, bleibt dagegen in Fortnite. Ist nicht wirklich schlimm. Ist aber so.

NFT ≠ Apes & Pepes

Und sind ja nicht nur Affen als NFTs unterwegs. Rafaël Rozendaal sei hier mal als Beispiel genannt für einen digital-Künstler der ersten Stunde (ich erinnere mich gern an seine ersten Gehversuche mit Screen Savern), der inzwischen auch im klassischen musealen Raum angekommen ist. Und, wie soll ich’s sagen, “natürlich” inzwischen auch mit NFTs arbeitet.

NFTs sind eine spezielle Form digitaler IDs. Digitale Kunst ist ein spezieller Use Case davon. Der Spekulationswahn drumherum: geschenkt. Wer beim Web1.0 nur die New Economy-Blase gesehen hat, hat dann auch den ICE verpasst, weil ihm der Trambahnschaffner zu teure Krawatten getragen hat.

Web3 is just an attempt to find a use case for blockchain

Den folgenden Absatz zerstückel und kommentiere ich jetzt mal Block für Block. Weil der mich wirklich gewundert hat.

When an engineer looks into a problem, they will at first gather the requirements. What does the system they need to build need to do and how and for whom etc. Afterwards they will look at existing technologies and see which technology and platform fits best to the requirements. 

So sollte es sein. Wobei der Prozess generell etwas schwieriger ist, da der Anforder gerne auch Schwierigkeiten hat, seine Anforderungen überhaupt nachvollziehbar zu formulieren. Besonders wenn er keine Vorstellung davon hat, was machbar oder sinnvoll ist. 

With Web3 it’s the other way around. 

Oha!

People had blockchain which was really only useful to run unregulated security trading without paying taxes (“Bitcoin”) but really wanted to use it somewhere. 

Moment!

  • Blockchain hat sich also ganz ohne Softwareingenieure entwickelt, landete als Deus ex Machina in den Händen von steuerhinterziehenden Spekulanten, die jetzt verzweifelt nach neuen Use Cases suchen, weil nur unregulierten Wertpapierhandel zu betreiben auf die Dauer zu unbefriedigend ist? 
  • Oder handelt es sich etwa um steuerhinterziehende Softwareingenieure, die nun weitere Requirements erfinden, um ihre magische Gelddruckmaschine weiter zu füttern, ohne die nun real existierende Technologie zu evaluieren?

Wer beim zweiten Punkt jetzt “ja, genau” ruft, hat in einigen Fällen durchaus Recht. Überall, wo Geld zu machen ist, tauchen dieselben garstigen Gestalten auf. Als Generalisierung wäre es allerdings ein infame Unterstellung und zeugt von einem etwas dusterem Menschenbild im allgemeinen und speziellen (bezogen auf Softwareingenieure).

Ich mache gerne mit ein paar Protagonisten bekannt, die äusserst integer sind, sehr genau wissen, was sie tun (und nicht unbedingt nur die wenigen weissen Schafe in einer ansonsten dunkelschwarzen Herde sind).

Since in the 10 years blockchains have existed no real use case has emerged they just basically reshaped a problem (the web is centralized and controlled by a few companies) forced blockchain into it and claimed to have a solution. They do not and this marks another year where blockchain has not found a use case aside from tax fraud.

OK: wenn man nicht hinschauen möchte, weil man sowieso alles für gehypten Quatsch hält, dann sieht man natürlich auch nix.

Dass Privat- und Zentralbanker sich intensiv mit Themen wie der Digitalisierung von nicht-virtuellen Währungen beschäftigen, geschenkt. Der Use Case “programmierbares Geld” geht schliesslich ans Kerngeschäft (während teilweise durchaus fragwürdige Stablecoin-Schattenkonstrukte schon munter im Einsatz sind). Fragen wie “was darf ein Zentralbank-Euro können” oder “wie sieht der Retail Use Case für einen Commerzbank-Euro aus” beschäftigt unsere Banker nicht erst seit gestern vormittag um 11:00.
Kann man natürlich alles ignorieren. Geht ja nur um unser Geld. Geht uns ja nichts weiter an.

Warum sich Supply Chainer für das Thema interessieren muss natürlich auch keinen interessieren ausser Supply Chainer. Und selbst die können sich bei ihrem Thema of nur mühselig wach halten. Geht ja nur um ESG-Compliance und Produkttracking (und mir ja egal, ob in privatem SaaS oder open sourced in DLT).
Infrastruktur ist in diesem Fall wirklich Kärrnerarbeit.  

Über technische Protokolle, deren Entwicklung und Support über token gesteuerte Nutzung finanziert wird, muss jetzt auch keiner nachdenken. Weil egal ob API3 oder Gitcoin oder Radicle, alles nur Ausweichmanöver steuerhinterziehender Ponzi-Schemer und aus Log4j haben wir ja gelernt, dass man kritische Infrastruktur durchaus als spendenbasierte Freizeitprojekte betreiben kann.

Um auf Anil Dash zurück zu kommen. Was er expressis verbis sagt: muss man nicht mögen, aber der Zug ist längst aus dem Bahnhof ausgelaufen und lässt sich durch Ignoranz nicht aufhalten.

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